Schü­ler­in­ter­view mit MdB Ekin Deli­göz (Bünd­nis 90/Die Grü­nen)zurück

Am 13.Oktober 2016 inter­view­ten zwei Schü­le­rin­nen der 10a Frau Deli­göz mit Fra­gen zum
Bur­ka­ver­bot, der Inte­gra­tion von Flücht­lin­gen und der regio­na­len Ener­gie­ver­sor­gung.

csm_kaminski_header1-1_c53943c227

Steckbrief

Schülerinterview mit MdB Ekin Dekligöz

Warum sind Sie Politikerin geworden?

Warum wird man überhaupt Politikerin? Man interessiert sich für Politik. Ich bin in einer Zeit groß geworden, als es in der Region hier sehr aufgeladen war. Das heutige Wiley war Zielgebiet Nummer eins im Kalten Krieg und es gab eine sehr große Friedensbewegung. Darunter befanden sich auch viele Schüler und Schülerinnen und ich war eine davon! Dann kamen verschiedene Themen dazu! Ich habe Frösche gerettet, Öko-Wiesen gepflanzt und das Thema Frauenrechte war schon immer ganz groß bei mir. “

Warum genau haben Sie sich den Grünen angeschlossen?

„Die Grünen haben sich in den 80er-Jahren gegründet und ich bin in den 90er-Jahren dazu gestoßen und habe die Grüne Jugend selber mit gegründet. Wir waren sehr ungeduldig und wollten nicht nur zuhören, sondern selber reden. Eine Mitmachpartei. Da waren die Grünen sehr ansprechend. Außerdem bin ich durchs Elternhaus geprägt, da mein Stiefvater schon Mitglied bei den Grünen war.“

Was wollen Die Grünen direkt hier im Bereich Neu-Ulm, Ulm erreichen?

„Der Atomausstieg ist hier schon ein sehr großes Thema mit Gundremmingen vor der Nase. Dabei müssen wir die neuen Energiequellen etablieren. Das zweite Thema ist „Wie sieht die Landwirtschaft der Zukunft in Bezug auf TTIP und Gentechnik aus? Was kann man machen, damit die Kleinbauern nicht aussterben?“ TTIP unterstützt große Unternehmen und die Kleinbauern werden nicht mehr von ihren Erzeugnissen leben können. Jedoch sind die eigentlichen Themen eher sowas wie öffentlicher Nahverkehr, überhaupt Verkehrspolitik. Beispielsweise die Eisenbahnstrecke nach Weißenhorn. Ich kann mich noch erinnern wie die ersten Züge nur bei besonderen Events gefahren sind und die Leute uns belächelt haben. Jetzt sind die Züge voll, ich bin gerade erst wieder hierher mit dem Zug gefahren und ich bin gestanden! Ein wichtiger Punkt sind zudem natürlich noch Bildung und Integration. “

Arbeiten Sie mit einer anderen Partei zusammen und bestehen irgendwelche Koalitionen?

„Punktuell, thematisch ja. In Bezug auf fairen Handel wird jetzt ein Antrag beim Stadtrat in Senden eingebracht. Dabei geht es darum, dass vor allem die lokalen Unternehmen unterstützt werden, beispielsweise Agenda Gruppen. Und dieser Antrag kam schwarz-grün, d.h. von der CSU und den Grünen. Bei anderen Themen wie z.B. Bildung, Rechte von Schwulen und Lesben und der bunten Gesellschaft arbeite ich sehr gerne mit dem Kollegen Brunner zusammen!“

Was macht Ihnen am meisten Spaß bei Ihrer Arbeit?

„Ich treffe sehr viele Menschen, was sehr spannend ist. Außerdem lernt man immer viel dazu. Und ein ganz großer Punkt sind die Feedbacks, die einen aufbauen und motivieren weiterzumachen. “

Wie ist Ihre Karriere verlaufen?

„Ich war zuerst in der Grünen Jugend und bin dann anschließend zum studieren nach Konstanz gegangen. Ich war sehr viel in der Partei engagiert. Aber ein Kommunalmandat oder anderes konnte ich natürlich nicht kriegen, weil ich sehr lange Zeit noch den türkischen Pass hatte. Aber kurz nach meiner Einbürgerung kam der Punkt der Wahlen bei denen ich kandidiert habe und ab da ging es rasend schnell!“

Wie lange sind Sie schon bei den Grünen tätig?

„Seit 1989. Also ungefähr in eurem Alter habe ich angefangen!“

Was haben Sie schon alles mit der Partei erreicht?

„Das Bewusstsein im Leben der Menschen. Wenn sie einkaufen gehen, dass sie beispielsweise schauen, ob das Produkt biologisch oder regional ist. Ober sie lieber Kartoffeln aus Holland kaufen oder die vom Bauern aus Günzburg! Natürlich auch Gewaltschutzrechte! Es ist nicht selbstverständlich, dass Frauen, wenn sie zu Hause geschlagen werden, die Polizei rufen und auch Unterstützung kriegen. Dass neue Technologien entstanden sind, wie erneuerbare Energien!“

Denken Sie, dass es möglich ist die Region ohne Atom- und Kohlekraftwerke zu versorgen?

„Letzten Freitag hatten wir in Leipheim eine größere Veranstaltung zu einem Biogaskraftwerk, das die SWU Ulm bauen wird. Und ja, absolut. Wir kriegen das hin! Wir würden das auch jetzt schon hinkriegen!“

Warum sollten vor allem junge Wähler Ihre Partei wählen?

„Ich glaube, das ist die Entschlossenheit mit der wir uns an ungewöhnliche Wege machen! Es ist einfach schnelle Lösungen zu finden, aber oftmals sind diese nicht langfristig tragfähig! Beispielsweise investiert die Bundesregierung Millionen in Kernfusionsforschung, obwohl diese in Deutschland niemals angewendet werden wird. Die Zukunft liegt woanders! Oder auch so was wie Freiheitsrechte. Stellt euch mal vor überall wären Kameras und ihr hättet überhaupt keine Privatsphäre mehr. Manche Rechte, die so selbstverständlich sind, die vermisst man erst wieder wenn man sie nicht mehr hat! Diese Rechte verteidigen wir und kämpfen dafür!“

Was halten Sie von dem umstrittenen Thema des Burkaverbots?

„Ich glaube, dass dies nicht Entscheidungen der Gerichte sind. Es gibt bestimmte Orte, da ist es ganz klar geregelt. Beim Grenzübertritt muss der Beamte das Gesicht der Frau sehen, um ihre Identität zu bestätigen und, dass wir bei unseren Beamten so etwas nicht dulden, ist für mich auch klar, denn ich persönlich möchte keine Polizistin in der Burka und auch keine Lehrerin. Für uns hat Kommunikation sehr viel mit dem Gesicht zu tun und ich persönlich lehne es ab. Aber ob eine Frau auf der Straße mit einer Burka laufen kann oder nicht, dass werden wir nicht mit Gerichten entscheiden, sondern gesellschaftlich durch Diskussionen. Allerdings würde ich es nicht verbieten, denn dann geht die Frau erst recht nicht mehr auf die Straße, weil sie womöglich einen Ehemann hat, der sie dann verprügelt. Durch ein Verbot macht man diese Frauen nur zu Opfern.“

Was ist Ihnen am wichtigsten an ihrem Beruf?

„Ich will, dass es uns auch in Zukunft gut geht. Euch und meinen Kindern, dass ihr die Freiheiten, so etwas wie Freizügigkeit oder Sicherheit, auch noch morgen und übermorgen haben werdet oder wenn ihr so alt seid wie ich. Dass ihr als Mädchen auf der Straße frei rumlaufen könnt wie ihr wollt, kurze Röcke und Hosen, dass ist eure Entscheidung, ihr sollt von nichts abgehalten werden. Und dass wir morgen auch noch gesund sind, dass wir nicht um sauberes Wasser kämpfen müssen oder mit Masken rumlaufen müssen, weil die Luft so schlecht ist. Es geht uns schon gut, aber wenn wir wollen, dass es uns auch morgen noch gut geht müssen wir ein paar Sachen verändern. Wenn man an dem festhält, das schon immer war, dann erneuert man sich nicht. Und damit es uns morgen gut geht, müssen wir uns erneuern.“

Wie denken Sie wird sich das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gesellschaft durch die Flüchtlinge verändern?

„Im Moment ist es sehr besorgniserregend. Wir wissen schon langer, dass dieses rechte Gedankengut menschenfeindlich ist. Das betrifft Immigranten, Menschen mit Behinderung, etc. Neulich erst gab es eine Studie über Gewalt gegenüber Minderheiten, wer wird angegriffen? Da stand zum Beispiel drin, dass Menschen mit dunklen Haaren, egal woher sie kommen oder wer sie sind, öfters Opfer von Gewalt werden. Oder Menschen, die den Anschein erwecken, behindert zu sein. Es ist ja schon schlimm genug, dass man Behinderten gegenüber Gewalt anwendet, aber dies an Optik fest zu machen ist einfach nur absurd. Insgesamt nimmt die Hasskriminalität in Deutschland zu. Im letzten Jahr waren das über 6000 Übergriffe aufgrund von Hasskriminalität, Haarfarbe, Aussehen, Zugehörigkeit, etc. Das ist besorgniserregend und führt nicht gerade dazu, dass die Gesellschaft zusammenwächst. Da stellt sich die Frage, wie soll man reagieren? Man kann den Kopf in den Sand stecken und sagen „Hoffentlich geht es an mir vorbei“, man kann sagen „Wir sperren alle weg“. Das wird allerdings nicht funktionieren, denn man weiß von vornherein ja nicht, wer der Täter ist. Man kann alle Grenzen schließen, aber das bringt auch nichts. Von daher bleibt nur noch eins übrig, der mühsame Weg. Die Leute informieren, was ist eigentlich deutsche Geschichte? Sensibilität und Verantwortung. Eine Stunde Sozialkunde pro Woche ist zu wenig! Ihr müsst die Nachrichten verstehen und die geschichtlichen Hintergründe kennen. Die Geschichte kann man nicht verändern, aber für die Zukunft kann man Verantwortung übernehmen. Und letztendlich wird der Zusammenhalt gestärkt, wenn die Menschen sich begegnen. Denn erst wenn man gemischte Teams hat, hat man einen anderen Blickwinkel auf die Dinge. Und wenn man Krisen überstehen will, braucht man viele unterschiedliche Menschen.“

Welche Qualitäten muss jemand haben, um Politiker zu werden?

„Auf jeden Fall Sitzfleisch, denn unsere Sitzungen sind echt lange. Und viel Durchhaltevermögen. Einen inneren Kompass, ich weiß wo für ich stehe, dafür streite ich auch und ich lasse mich nicht beirren, dann wenn es schwer wird. Ich kann mich an Veranstaltungen erinnern, bei denen ich gegen Atomkraft geredet habe und mir hunderte Leute „Buh“ zugerufen haben. Da zu stehen und zu sagen ich stehe trotzdem zu meiner Meinung ist manchmal nicht so einfach. Überzeugungskraft und die Bereitschaft immer wieder dazu zu lernen, man muss immer sich selbst weiterbilden, lesen und informieren. Die Bereitschaft auf andere zuzugehen und von ihnen dazu zu lernen. Ich bin nicht Gott, meine Meinung ist nicht allgegenwärtig, ich kann mich irren, denn ich bin nur ein Mensch, dieses Irren kann ich nur dadurch korrigieren, indem ich dazulerne.“

Frau Deligöz, Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Lea Karrasch und Celine Fleig, Klasse 10A am 13. Oktober 2016