„Erinnern alleine reicht nicht!“zurück

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

Wir haben uns heute hier am Kriegerdenkmal in Neu-Ulm versammelt, um innezuhalten, zu mahnen und zu erinnern an die unzähligen Opfer, die im Krieg ihr Leben verloren haben. Wir wollen unsere Verbundenheit zum Ausdruck bringen und all denen in Gedanken Hoffnung schenken, die nicht, wie wir das Glück haben, in einem Land zu leben, in dem Frieden herrscht. Seit über einem Jahrhundert gedenken wir den gefallenen Soldaten und unschuldigen Opfern, die durch Akte der Gewalt, Vertreibung und Verfolgung ums Leben gekommen sind. Wie auch viele andere Städte wurde die Stadt Neu-Ulm vom Krieg gezeichnet. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs verloren 9000 Neu-Ulmer einen Teil ihrer Heimat, ihre Häuser, ihre Angehörigen. Seit der Zeit des Wiederaufbaus haben wir das Glück in Frieden zu leben. Doch auch heute sind Kriege nicht Teil unserer Vergangenheit, nein sie sind Realität für viele. Auch heute leben Menschen in Kriegsgebieten und kämpfen für die Freiheit ihrer Heimat. In der Ukraine werden Familien auseinandergerissen, Städte liegen in Trümmern und tausende Menschen sind auf der Flucht. Erschreckende Zustände werden uns täglich berichtet und genau hier ist unsere Aufgabe ein Zeichen zu setzen.

Der Volktrauertag wurde erstmals nach dem Ersten Weltkrieg in den 1920er Jahren eingeführt, als ein Zeichen der Solidarität und Empathie gegenüber den Zurückgebliebenen der Gefallenen.  Leider wurde dieser eigentlich friedensorientierte Tag von den Nationalsozialisten missbraucht, um ihre Kriegspropaganda zu verbreiten. Die Umbenennung in den „Heldengedenktag“ fungierte als Instrument des NS-Regimes zur Verherrlichung von Krieg und der Aufopferungsbereitschaft von Soldaten. Mit dem Ende des 2. Weltkrieges folgte die Distanzierung von menschenverachtenden nationalsozialistischen Werten, und somit wurde der „Heldengedenktag“ 1950 erneut umgestaltet. Er wurde zu einem Tag, der uns an die Vergangenheit erinnert, und Hoffnung für die Zukunft gibt. So sind wir heute hier versammelt, um den Opfern der Weltkriege zu gedenken, aber ebenso auch allen anderen unschuldigen Menschen, die ihr Leben dafür gegeben haben, um ihrer Heimat Frieden zu schenken. 

Krieg bringt stets Zerstörung und fordert Opfer. Gerade in Zeiten wie diesen, in welchen Kriegsmeldungen die Nachrichten dominieren und die Spannungen zwischen Menschen steigen, ist es umso wichtiger sich auf den Volkstrauertag und seine Bedeutung zurückzubesinnen. Wir gedenken den Menschen, die in Kriegen für Deutschland ihr Leben gelassen haben. Aber der Volkstrauertag ist so viel mehr als nur eine Totenandacht. Denn das Gedenken geht weit über einen einzigen Tag hinaus. Das Lernen aus der Vergangenheit ist ebenso Teil davon, wenn nicht sogar der Wichtigste. Denn sogar in den schlimmsten Zeiten sind Menschen in der Lage, Hoffnung zu fassen, und aus dieser Hoffnung heraus nach dem Krieg wieder anzufangen. Der Volkstrauertag erinnert uns: Frieden ist nie selbstverständlich. Demokratie lebt davon, dass wir sie jeden Tag verteidigen – mit Mut, Mitgefühl und Verantwortung. Wir müssen die Werte der Demokratie, der Freiheit und der Menschenwürde schützen – nicht nur für uns, sondern weltweit. In Russland, China und vielen anderen Ländern gelten oft Gesetze nur für „normale Bürger“, nicht für jene, die Macht haben. Die Leidtragenden sind Unschuldige – Opfer staatlicher Willkür, politischer Repression und kriegerischer Gewalt, denn dort werden Menschen entrechtet, verschleppt oder getötet – nicht weil sie schuldig sind, sondern weil sie in Systemen leben, in denen Gesetze nicht alle gleichermaßen schützen. Frieden entsteht nicht durch Wegsehen, sondern durch Haltung und Stärke. In der Lage zu sein, sich zu verteidigen, bedeutet nicht, Kriegslust, sondern die Fähigkeit, Frieden zu sichern und Abschreckung zu schaffen, damit Unrecht gar nicht erst geschieht. Wenn wir die Opfer der Vergangenheit ehren, dann indem wir alles tun, um neue Opfer zu verhindern. Das ist unsere Aufgabe – als Bürgerinnen und Bürger eines freien Landes.

Somit gedenken wir einerseits in Trauer, aber auch in Hoffnung. Denn aus der Erinnerung an die vielen Kriegsgefallenen wächst die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Auch für Neu-Ulm wünschen wir uns, dass es nie wieder dazu kommen muss, dass tausende Menschen ihre Heimat und ihre Geliebten verlieren. Wir wollen eine Zukunft gestalten, die nicht von Krieg, sondern von Zusammenhalt, Miteinander und Respekt geprägt ist. Wir appellieren an die Menschlichkeit, denn diese ist Grundlage einer friedlichen Gemeinschaft. In diesem Sinne ehren wir die Opfer, indem wir sie in Erinnerung halten, aber richten unseren Blick stets nach vorn. Denn, wie Margot Friedländer einst sagte: „Erinnern allein reicht nicht“. Wir müssen uns unseren Taten bewusst werden und aus der Vergangenheit lernen, wodurch eine  Zukunft voller Frieden entstehen kann.

Schülerinnen und Schüler des PuG-13-Kurses