Ein Blick über den Tellerrandzurück

Manchmal wird einem erst klar, wie gut es einem geht, wenn man sieht, wie andere Kinder leben – zum Beispiel in Bolivien, wo Schule für viele alles andere als selbstverständlich ist.

Für uns ist es selbstverständlich, morgens aufzustehen, zu frühstücken, zur Schule zu gehen, im Klassenraum zu sitzen, zu Mittag zu essen, Hausaufgaben zu machen, Hobbies nachzugehen, Freunde zu treffen, eine Familie zu haben, die für einen da ist. Und ja — manchmal ärgern wir uns, sind gestresst oder würden lieber zuhause bleiben. Doch ein Blick nach Bolivien zeigt, wie wertvoll und bedeutsam und eben nicht selbstverständlich all diese Dinge sind.

Vor kurzem war Frank Weber aus Cochabamba wieder zu Gast an unserer Schule, um unseren neuen Fünftklässlern von seiner Arbeit zu erzählen.

Der gebürtige Schweinfurter besuchte in den 1980ern einen Studienfreund in Bolivien. Was er dort sah, veränderte sein Leben: Kinder und Jugendliche, die auf der Straße lebten, ohne Eltern, ohne Schutz, ohne jemanden, der sich um sie kümmerte. Ohne Dach über dem Kopf, ohne regelmäßiges Essen, ohne Strom, Wasser oder die Aussicht auf Bildung.

Statt nach Deutschland zurückzukehren, entschied sich Frank Weber zu bleiben. Er lebte mit den Kindern auf der Straße, um zu sehen, wie ihr Alltag aussieht, und erkannte: Diese jungen Menschen brauchen mehr als spontane Hilfe – sie brauchen einen sicheren Ort.

Mit eigenen Ersparnissen kaufte er zunächst eine verfallene Hausruine am Stadtrand Cochabambas, renovierte sie Schritt für Schritt und schuf so ein Zuhause für 25 Kinder. Doch das war ihm nicht genug, denn Kinder brauchen auch eine Perspektive.

Deshalb gründete Frank Weber 1988 das Centro Educativo Richard von Weizsäcker, eine kostenlose Schule speziell für Kinder und Jugendliche aus ärmsten Verhältnissen. Durch viele Unterstützer und Spendengelder konnte der Traum realisiert werden.

Heute besuchen rund 600 Schülerinnen und Schüler seine Schule, unterrichtet von über 40 Lehrkräften. Für sie bedeutet die Schule weit mehr als Unterricht:

  • ein sicherer Ort
  • ein Ort der Gemeinschaft
  • ein Ort, der grundlegende Bedürfnisse deckt
  • ein Ort, der Chancen eröffnet

Allerdings ist eine Schule nicht einfach zu unterhalten: Jährlich fallen etwa 400.000 Euro an laufenden Kosten fürs Centro Educativo Richard von Weizsäcker an – für Strom, Wasser, Gebäudeunterhalt, Ausstattung, Mensa, Unterrichtsmaterialien und Lehrergehälter. Ein Teil davon wird durch kreative Eigeninitiativen wie Theateraufführungen oder Buchverkäufe aufgebracht, der Rest wird mithilfe von Spenden bezahlt.

Auch wir tragen seit Jahren dazu bei: Beim Weihnachtsbasar sammeln alle Klassen Spenden für Frank Webers Schule. Hierfür wurde im Vorfeld wieder fleißig gebastelt, gebacken, geschuftet. Jede kleine Summe hilft, damit an unserer Partnerschule neues Unterrichtsmaterial gekauft, das Gebäude repariert, die Stromversorgung gewährleistet oder das tägliche Mittagessen für die Kinder gesichert werden kann. Frank Webers Besuch hat uns noch einmal gezeigt, wie wichtig diese Unterstützung ist und wie viel ein engagiertes Miteinander bewirken kann.

Wenn wir uns also das nächste Mal über Hausaufgaben ärgern, frühes Aufstehen verfluchen oder Unterrichtstage als „anstrengend“ empfinden, sollten wir uns daran erinnern, was Bildung eigentlich ist: eine Chance, die nicht alle haben.