Die Stasi und der Deutschaufsatz – Zeitzeugen der DDR zu Gastzurück

Offen und ehrlich berichtete Herr Pietzner über seine Kindheit und Jugend in der DDR.

zeitzeuge-der-ddr

Die Stasi und der Deutschaufsatz – Besuch von Zeitzeugen aus der DDR

Herr Pietzner und Herr Müller, zwei Väter von Schülerinnen der 10.Jahrgangsstufe, besuchten am 02. Juni das Bertha-von-Suttner-Gymnasium. Ihr Besuch diente der Vertiefung des Themas „Alltag in der DDR“ aus dem Geschichtsunterricht der 10. Klassen.

Die beiden Zeitzeugen, die ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht hatten, erzählten uns eine Schulstunde lang offen ihrem Leben und beantworteten hauptsächlich Fragen der Schüler zu ihren Erinnerungen an die ehemalige DDR.

Herr Pietzner erzählte aus seiner Jugend und betonte zuerst, dass man sich heute ein Leben wie in der DDR kaum mehr vorstellen könne und dass Geld damals keine große Rolle gespielt habe. Im Durchschnitt haben alle Bürger ungefähr gleich viel Geld gehabt. Es scheiterte also nicht am Geld, sondern an der fehlenden Reisefreiheit, dass Familie Pietzner kaum in den Urlaub reiste, und wenn, dann nur in den damaligen Ostblock, z.B. in die Tschechoslowakei.

Eine Frage, die die hauptsächlichen Unterschiede zwischen der DDR und der BRD betrifft, weckte großes Interesse bei den Zehntklässlern. Die fehlende Meinungsfreiheit war ein deutlicher Unterschied und erklärt, dass man sich in der DDR genau überlegen musste, was man sagte und wie man sich benahm, so Herr Müller, aufgewachsen in Karl- Marx- Stadt (Chemnitz). Er erzählte dazu, dass die Menschen in der ehemaligen DDR „Witze“ erfunden haben, um sich ihrer inneren Anspannung Luft zu machen, wie „Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Bautzen komm“ (ein Gefängnis für politische Häftlinge). Herr Pietzner bekräftigte dessen Aussage, indem er uns klar machte, dass man aufgrund seiner Meinung auch Angst vor einer Verhaftung haben musste.

In der Schule wurde man im Sinne des Sozialismus indoktriniert. „Zu Schuljahresbeginn gab es morgens immer einen Appell“, begann Herr Pietzner aus seiner Schulzeit zu erzählen. Praktisch jeder war auch in der FDJ (Freie Deutsche Jugend). Er erwähnte zudem, dass alle Schulen der DDR den gleichen Lehrplan und dieselben Prüfungen hatten, die Klassen immer identisch blieben und nur Wenigen jährlich gestattet wurde, das Abitur zu machen und so frühzeitig die Schule zu wechseln. Wurde man nicht erwählt und wollte trotzdem Abitur haben, musste man nach der 10.Klasse auf die Erweiterte Oberschule wechseln. Abitur oder später dann ein Studium war nur möglich, wenn man Mitglied der FDJ war. Herr Müller wandte an dieser Stelle ein, dass er in der 8. Klasse einmal einen Deutschaufsatz über den Film „Holocaust“ schrieb und trotz seiner guten Leistung nur „ausreichend“ bekam, da er geschrieben hatte, dass er den Film im Westfernsehen gesehen hatte. Dies hatte ihm die Lehrerin im Vertrauen nach der Herausgabe zugeflüstert. Herr Pietzner hasste vor allem auch das Unterrichtsfach Wehrkunde, wo man nur Rennen , Schießen und Gehorchen lernte. Eine weitere Gängelung der Menschen betrifft die damalige Partei SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Herr Pietzner erzählte, dass man fast gezwungen war einzutreten, da man sonst fast gar keine Chance auf Karriere hatte. Da Herr Pietzner sich weigerte der Partei beizutreten, durfte er als Konsequenz nicht mehr seinen Hobbys (wie z.B. Handball oder Seesport) auf Wettkampfebene nachgehen. Doch auch im Privatleben wurde die Gesinnung immer kontrolliert.

Ein System von “Spitzeln“, welche an den Nationalsozialismus erinnern, war zu dieser Zeit in der DDR auch organisiert. Durch Herrn Pietzners abweichende politische Meinung war die Stasi auf ihn aufmerksam geworden. Der Zeitzeuge vertraute uns sogar an, dass seine damalige Freundin, mit der er zusammen wohnte und ein Kind hatte, informelle Mitarbeiterin der Stasi war und ihn ausspionierte. Er fand dies heraus, indem er ihr – misstrauisch geworden – mehrere Male folgte und beobachtete, wie sie in ein Haus der Stasi verschwand. Dies bedeutete dann auch das Ende ihrer Beziehung.

Zudem wurde nach dem Verhältnis zu den Eltern Herrn Pietzners und Herrn Müllers gefragt. Herr Müller beschrieb seine Kindheit trotzdem als glücklich. Seine Eltern seien mit dem politischen System nicht einverstanden gewesen, hätten jedoch auch nicht aktiv protestiert, „sie waren eben die typischen Mitläufer“, so Herr Müller. Im Gegensatz dazu erzählte Herr Pietzner, dass er schon immer und auch bis heute kein gutes Verhältnis zu seinen Eltern habe. Beide seien Mitglieder der SED gewesen, da, wie Herr Pietzner erklärte, sein Vater sonst nicht hätte Meister in einer Werkstatt werden können. Seine Eltern redeten jedoch auch nicht über ihre politischen Meinungen. Noch interessant ist, dass Herr Müller den Mauerfall als Endpunkt eines schleichenden Prozesses bezeichnet.

ANTONIE AST