Aktuell: Schülerinterview mit Karl-Heinz Brunner (SPD)zurück

MdB Dr. Karl-Heinz Brunner

Interview mit Daria Unseld und Erika Ebel u.a. über die Kanzlerkandidatur, Trump und AfD und SPD.

Steckbrief

Interview mit MdB Dr. Karl-Heinz Brunner (SPD)
Warum sind Sie Politiker geworden, oder warum haben sie den Beruf Politiker gewählt?

Ich habe nicht den Beruf gewählt. Ich bin Politiker geworden, weil ich ein Mensch war, der etwas verändern wollte. Und verändern kann man diese Gesellschaft, kann man dieses Land nur, wenn man an den Entscheidungsstellen sitzt. Und die Entscheidungsstellen sind: Ganz unten der Gemeinderat, und ganz oben der Bundestag. Und weil ich mitentscheiden wollte, diese Gesellschaft zu verändern und diese Gesellschaft besser zu machen, bin ich in die Politik gegangen!

 

Weshalb haben Sie die SPD als ihre Partei gewählt?

Erstens, weil die SPD zu mir passt! Weil die SPD eine Partei ist, für die Solidarität, Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Toleranz im Mittelpunkt steht. Das halte ich für sehr wichtig, dass wir zuerst mal wissen, dass stärkere Schultern leichter tragen, als schwache Schultern und die Starken da sein müssen, um den Schwachen durchs Leben zu helfen. Das ist der Grundzug, warum ich in die SPD eingetreten bin. Es gibt viele andere Aspekte natürlich auch noch, zum Beispiel, dass ich mich in der SPD wohlfühle, dass mir die Menschen da gefallen und, dass ich als Sozialdemokrat nicht nur in der SPD, sondern auch automatisch in der großen Familie aller Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten dieser Welt bin. Die Sozialdemokratie ist mit das größte politische Netzwerk dieser Welt. Auch wenn wir in Deutschland momentan nicht die Mehrheit haben, international ist es das Größte. (Anm. d. R.: Netzwerk).

Wenn ich nach Spanien fahre, kann ich dort Sozialdemokraten treffen. Ich kann sogar in die Türkei fahren und dort Sozialdemokraten treffen, auch wenn das momentan sehr wenige sind, die sich trauen das zu sagen. Ich weiß, dass in Israel die mit bedeutendste Ministerpräsidentin Golda Meir Sozialdemokratin war, und da fühlt man sich auch in der großen Familie national wohl.

 

Sind sie der Erste in Ihrer Familie, der aktiv in der Politik mitwirkt?

Nein, wobei im Nachkriegsdeutschland, ja. Mein Großvater war bis zum Jahre 1933, als die Nationalsozialisten die Macht übernommen haben, in der Landeshauptstadt München politisch tätig. Und er war damals Mitglied der Bayerischen Volkspartei.

 

Was sind Ihre Aufgaben als Bundestagsabgeordneter?

Ich vertrete als Bundestagsabgeordneter unter anderem, zum einen meinen Wahlkreis Neu-Ulm, Günzburg, Unterallgäu. Und ich versuche aus diesem Wahlkreis die wichtigen regionalen, die kommunale Themen in Berlin einzuspeisen und Entscheidungen herbeizuführen. Darüber hinaus bin ich – wie jeder Bundestagsabgeordnete – natürlich für das gesamte Land zuständig. Für ganz Deutschland, für alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Und habe im deutschen Bundestag deshalb in meiner Partei bestimmte Fachaufgaben bekommen. In diesen Fachaufgaben mache ich zum einen die Rolle des OBManns für Abrüstung und Rüstungskontrolle, bin Verteidigungspolitischer Sprecher meiner Partei für Bayern und bin Mitglied im Rechtsausschuss.

 

Was möchte die SPD hier in der Umgebung erreichen?

Als Allererstes – das spreche ich jetzt nicht als Bundespolitiker, sondern als der Unterbezirksvorsitzende,: Mehr Kreisräte, mehr Stadträte, mehr Gemeinderäte in dieser Region, um Sozialdemokratische Politik umzusetzen. Das heißt, Sozialdemokratische Politik in der Region, das bedeutet, für jede Familie einen kostenlosen Platz in der Kita und im Kindergarten.

Das bedeutet für jedes Kind, für jeden Menschen in unserer Region, kostenlos an den Anspruch von Bildung zu kommen. Von der Grundschule bis zur Universität. Und zum Dritten – was uns sehr wichtig ist, und auch mir sehr wichtig ist – das heißt Mobilität. Einen guten, öffentlichen Nahverkehr, gepaart mit sonstigen Verkehrsmitteln, egal ob man einen Führerschein hat oder nicht, ob Junge/r oder Greis, jeder muss die Möglichkeit haben, in diesen Landkreisen, in dieser Region, mobil zu sein. Und dazu brauche ich ein Bus- und Bahnsystem, das diese Mobilität ermöglicht. Und wenn das noch zu einem wirtschaftlichen Preis ist, so dass es bezahlbar ist, ist das noch besser.

 

Für was setzt sich Ihre Partei, die SPD heutzutage, grundsätzlich ein?

Für das, für was sie sich eigentlich immer eingesetzt hat: Für Toleranz, für Nächstenliebe, für ein gutes solides Staatssystem, für Bildung, für einen ökologisch vertretbaren Verkehr, für eine Energieversorgung, die nicht nur ökologisch ist, sondern die jeder bezahlen kann, und zuletzt das, was die Sozialdemokratie immer ausgezeichnet hat: Wir sind eine Friedenspartei und wollen friedlich mit unseren Nachbarn – in Europa und in dieser Welt – zusammenleben.

 

Was sind Ihre aktuellen Projekte?

Also erstens, möchte ich erreichen, dass im Deutschen Bundestag, im Europäischen Parlament und bei den Vereinten Nationen extralegale Tötungen durch ferngesteuerte automatisierte Drohnen, geächtet und verboten werden. Als zweites will ich als Mitglied des Rechtsausschusses erreichen, dass Ehen für alle, nämlich auch für Männer mit Männern und Frauen mit Frauen, in diesem Land, so wie in vielen europäischen Ländern und Ländern dieser Welt, gesetzlich erlaubt ist.

 

Was halten Sie von der Stellung Deutschlands zur Flüchtlingskrise und wie stehen Sie selber dazu?

Die Flüchtlingskrise ist keine Krise, sondern eine Herausforderung, die wir alle, in Europa und in der Welt haben. Wir haben Krieg, wir haben Hunger, wir haben Perspektivlosigkeit und wir haben Vertreibung. Weltweit sind derzeit rund 40 Millionen Menschen auf der Flucht. Unsere Aufgabe muss es sein, unseren Teil dazu beizutragen und diesen 40 Millionen Menschen eine Perspektive zu geben. Dass wir ihnen ermöglichen, dass auch sie ihr Leben selbstbestimmt, frei, mit etwas zum Essen, zum Anziehen leben können. Dies ist unmöglich auf einmal zu machen. Dazu müssen wir vor Ort, in den Ländern, wo die Menschen auf die Flucht gehen, unseren Beitrag leisten. Da müssen wir aber auch bei uns einen Beitrag leisten. Wir haben hier die vier Kerzen vom Advent. Wir feiern am 24. Dezember Heiligabend und wenn ich mich richtig entsinne waren Maria und Josef ebenfalls Flüchtlinge. Also wir müssen auch ein bisschen mehr Nächstenliebe in diesem Bereich zeigen. Wir müssen natürlich nicht alle hier in Deutschland aufnehmen, wir müssen nicht alle hier in Europa aufnehmen. Wir dürfen nur nicht zuschauen, wenn Menschen keine Perspektive haben, wenn die Kinder im Meer ertrinken, wenn Frauen keine Zukunft mehr haben und ich sage es auch, dass in manchen afrikanischen Ländern Frauen auf das gewaltigste und ohne Betäubung beschnitten werden und dann ihre Heimat verlassen. Dann möchte ich nicht in einem Land leben, indem man sagt „Du geh da wieder zurück, du bist in einem sicheren Herkunftsland, ein zweites Mal wirst du nicht beschnitten.“ Ich hätte dann gern, dass sie dann hier ein Bleiberecht bekommen.

 

Nun zu einem anderen wichtigen Punkt, der uns interessiert. Denken Sie, dass Trump als Präsident hier in Deutschland etwas beeinflussen oder gar verändern könnte?

Ja. Donald Trump, da bin ich mir sicher, wird die Vereinigten Staaten mehr auf sich zurückbesinnen, so wie er immer sagt „ America first“. Damit wird manche Aufgabe, die wir in Europa nicht Ernst genommen haben oder bei der wir uns nicht genügend engagiert haben, von uns selbst gelöst werden müssen. Wir haben bisher nach Syrien geschaut, dass sich dort die USA militärisch einmischen. Wenn sich die USA nicht mehr militärisch einmischen, wer macht es dann? Wer wird in Europa für Sicherheit an den Grenzen sorgen und wer wird, wenn die Vereinigten Staaten nicht mehr die Leitnation sein wird, die Vorgabe und Verantwortung übernehmen, eine vertrauensvolle, eine seriöse und vor allen Dingen eine nachhaltige Politik verwirklichen? Und wir werden noch mehr tun müssen, nachdem wir dieses Programm von Trump inzwischen kennen, für gute Umwelt, für unser Klima, für unseren Sauerstoff und für unser Überleben. Denn wenn wir es nicht tun, dann tut es niemand. Unter Obama haben die Amerikaner ihren Beitrat geleistet. Wenn die Amerikaner jetzt rausgehen, dann müssen wir mehr tun um das Gleiche zu erreichen.

 

Die deutsche Partei „Alternative für Deutschland“ hat ähnliche Ziele wie Donald Trump. Was halten Sie von diesen Zielen und der AfD?

Ich halte von der AfD gar nichts. Ich halte auch davon nichts, Mauern zu bauen, sondern ich halte davon etwas Mauern einzureißen. Zu erst einmal in den Köpfen und wenn sie in den Köpfen eingerissen sind, in der Natur. Denn mit Mauern grenze ich nicht nur jemand aus, sondern sperre mich so auch selbst ein. Und ich möchte nicht eingesperrt sein. Und deshalb halte ich von einer Politik des Abschottens, des Einmauerns, des Zumachens überhaupt nichts, weil es keinen Schritt voranbringt, sondern wir müssen weiter in eine offene Gesellschaft bleiben. Eine Gesellschaft in man leben kann, wie man will. In der wenn ich morgens sag,“ Ich hab Lust in Innsbruck Ski zu fahren, dann nützt es nichts wenn da eine Mauer ist. Denn diejenigen, die Mauern bauen, vergessen dabei, dass so was in beide Richtungen geht. Es ist nicht so, dass ich sag ich baue eine Mauer, damit niemand reinkommt, aber ich darf raus? Dann, vor allem wenn ich draußen bin, wie komm ich wieder rein? Das kennt die Maus so an ihrer Falle, wenn sie da drin ist, dann überlegt sie sich, wie komm ich da wieder raus? Weiß ich, was ihr Schicksal ist, ein böses Schicksal, das merkt die nicht für Menschen. Deshalb weder Mauer in den Köpfen, noch Mauern an den Grenzen und deshalb halte ich den Ansatz der AfD für vollkommen falsch. Ich halte ihn auch deshalb für falsch, weil wir in Deutschland immer davon profitiert haben, wenn wir andere Kulturen, wenn wir andere Meinungen und wenn wir Fremdes zugelassen haben. Ich führe zwei Beispiele an: Das Wort „Fenster“, woher kommt es? Hätten uns nicht mal die Römer besiedelt und hätten ihr „fenestra“ gehabt, dann hätten wir kein Fenster hier. Wir haben hier den Adventskranz und fragen uns, warum zünden wir in der Weihnachtszeit Kerzen an? Warum hat unserer Weihnachtsbaum Kerzen. Weil in Deutschland über viele hundert Jahre Tür an Tür mit unseren jüdisch- gläubigen Mitbürgern gelebt haben. Und die jüdischen Mitbürger feiern zur gleichen Zeit Chanukka , das Lichterfest. Und die deutschen fanden es so schön, dass die Juden ihren siebenarmigen Leuchter an Chanukka angezündet haben und haben gesagt, dann machen wir das doch auch! Übrigens die Juden haben dann bis in die 30-er Jahre als Gegenleistung dafür einen Chanukka-Christbaum gehabt, der nur sieben Kerzen hatte. So können sich alle miteinander befruchten und können voneinander was lernen. Und das gegenseitig, voneinander etwas lernen ist schlichtweg gut. Und deshalb möchte ich keine Gesellschaft haben, in der man sagt, wir allein machen alles richtig, wir sind nur auf uns gestellt. Denn dann müsste ich gleichzeitig alle Ideen, die ich bei der täglichen Lektüre in irgendeiner Form sehe, aus dem Internet wegtun. Und sagen, nein ist nicht deutsch. Ich kenne sogar Komponisten, die nicht Deutsche sind und die ich für ausgesprochen gut halte, zum Beispiel Tschaikowsky soll bekanntlich nicht Deutscher gewesen sein und ich höre ihn trotzdem gerne.

 

Sind Sie für Gabriel oder Schulz als Kanzlerkandidat?

Diese Frage stellt mir auch das ZDF und ARD. Ich kann Ihnen jedoch nur antworten, dass das ist eine gute Frage ist.

 

Was halten sie von der gestrigen Attacke auf den Berliner Weihnachtsmarkt?

Fürchterlich. Das gestrige Ereignis am Breitscheitplatz ist ein schreckliches Ereignis in unserem Land. Aber so schrecklich dieses Ereignis auch ist, müssen wir, wie bei allen schrecklichen Ereignissen, das Mitgefühl bei den Familien, bei den Angehörigen, bei den Opfern haben. Als zweites solide nachdenken, überlegen, keine Schnellschüsse, keine Vorverurteilungen oder ähnliches, sondern jetzt den Behörden die Möglichkeit geben seriös zu ermitteln, wer war es, welcher Hintergrund und warum. Und das warum ist immer die Frage. Und als letztes für mich bei diesen schrecklichen Ereignissen ganz klar, wer es war. Der Theorie von Terroristen geh ich nicht auf den Leim. Ich werde mich nicht zu Hause einsperren, ich werde jetzt nicht zu Hause bleiben. Ich geh weiter raus und mich hat es gestern ganz besonders betroffen, weil ich in Berlin 300 Meter von Breitscheitplatz entfernt wohne und ich über diesen Platz mehrmals in der Woche laufe. Der Breitscheitplatz ist das Zentrum von Westberlin. Wenn man Berlin lebendig sehen will, ist es dieser Platz. Ich halte allerdings nichts davon, vor Abschluss der Ermittlungen schon Ergebnisse zu präsentieren, dann muss ich gar nicht ermitteln. Dann habe ich meine Vorurteile und fühle mich dann bestätigt.

 

Was erwarten Sie von uns Bürgern nach so einem Ereignis?

Man sollte die Spezialisten seriös ermitteln lassen. Dann passiert so was auch nicht, wie heute Nacht, dass die Asylbewerberunterkunft am ehemaligen Flughafen Tempelhof gestürmt wird, 200 Asylbewerber aus den Betten gerissen werden und am Ende wird gesagt „Das war wohl nichts.“. Das ist Aktionismus und mit Aktionismus kommt man nicht weiter. So wie meine Großmutter immer sagte: „ Denkt erst mal nach und schlaf eine Nacht darüber, vielleicht fällt dir am nächsten Tag die Lösung ein.“

Wir bedanken uns sehr bei Ihnen, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.

Daria Unseld & Erika Ebel (10a)
Dienstag, den 20.12.2016